Endspurt

Mit meinem Praktikum in Suzhou geht es in schnellen Schritten zu Ende. Schnelle Schritte konnte ich auch letztes Wochenende gebrauchen, als der Jinji Lake Halbmarathon anstand. Wie der Name vermuten lässt führt dieser Lauf 21,1 km rund um den Jinji See, der sich praktisch vor meiner Haustüre erstreckt. Bosch ist einer der Hauptsponsoren und natürlich entsprechend auch mit einem großen Teilnehmerfeld vertreten. Obwohl ich zugegebenermaßen in China etwas nachlässig mit dem Training war, geht meine Zeit von 1:48:23 durchaus in Ordnung.

Transrapid

Es war das große deutsche Vorzeigeprojekt in China, der Transrapid. Nachdem in Deutschland jahrelang über einen Bau gestritten wurde, beschlossen die Chinesen kurzerhand in Rekordzeit die erste reguläre Magnetschwebebahn-Verbindung auf die Beine zu stellen. Sie sollte die Anbindung an den Flughafen Pudong in Shanghai übernehmen und nebenbei als Symbol für das moderne China herhalten.
10 Jahre nach Fertigstellung wirkt der Maglev, wie der Transrapid in China heißt, noch immer wie aus der Zukunft. Der Maglev verbindet eine ehemalige Metro Endstation mit dem Flughafen. Inzwischen lässt sich der Flughafen jedoch auch direkt mit der Metro erreichen, weshalb kaum jemand bereit ist noch einmal umzusteigen und ein Ticket zu lösen, welches das 10 fache der Metro kostet. Entsprechend wenig ist vom Glanz geblieben, die Sitze erscheinen abgenutzt, die Waagen sind trotz der ausländischen Touristengruppen nicht einmal halb gefüllt. Ein Erlebnis ist die Fahrt mit 430km/h dennoch, auch wenn der Spaß nach 7 Minuten bereits wieder zu Ende ist.

Jetzt ne deutsche Schokolade

Gelüste dieser Art kommen selbst nach 5 Monaten nicht so recht auf. Das liegt daran, dass die Globalisierung längst in der Lebensmittelbranche angekommen ist und die wichtigen Lebensmittelkonzerne wie Nestle, Kraft oder Coca Cola ganz selbstverständlich vor Ort sind. Und mit ihnen auch Produkte wie Rocher, Cornflakes, Kinderschokolade (inkl. deutschem Kind auf der Verpackung) oder Toblerone. Auch die kleine schwäbische Firma Ritter hat hier ihre quadratische Schokolade groß in den Regalen platziert. Ähnlich ist es bei den Fastfoodketten der Fall. Es gibt an jeder Ecke einen Kentucky Fried Chicken, Starbucks oder Pizza Hut.
Das die Verpackungen ähnlich oder gleich aussehen wie in Europa ist natürlich kein Zufall. Alles was importiert ist oder zumindest so aussieht ist automatisch angesagt und chic. Und so kämpfen die Chinesen dann im Pizza Hut mit Messer und Gabel, so wie es uns all zu oft im Chinarestaurant mit den Stäbchen ergeht.

Summende Roller

Noch so ein Asien-Klischee: Da fahren alle auf knattrigen Motorrollern durch die Gegend und auf der Strasse kann man kaum atmen. Gut ich gebe zu, völlig vorurteilsfrei war ich bei meiner Ankunft ja auch nicht. Und dass diese Vorurteile nicht immer unberechtigt sind zeigt sich daran, dass schon zahlreiche Roller unterwegs sind. Die fahren allerdings nicht mit ölverbrennenden Zweitaktmotoren, sondern mit Elektroantrieb. Diese vorbildliche Maßnahme um den Smog etwas zu reduzieren ist löblich, jedoch werden dadurch andere Probleme verursacht: Man kann diese Dinger einfach nicht hören und da Nachts alle ohne Licht fahren (Batterie sparen) muss man schon gehörig auf sich acht geben. Als Resultat hupen die Rollerfahrer umso häufiger, was dann mindestens so laut ist wie die guten alten, knattrigen Maschinen.

Hong Kong

Die ehemalige Kronkolonie Englands gehört seit 1997 faktisch zur Volksrepublik China, konnte sich jedoch ein bedeutendes Stück Unabhängigkeit bewahren. Dadurch entwickelte sich in der Sonderverwaltungszone eine pulsierende Küstenmetropole, in der unterschiedlichste Charaktere ein Zuhause gefunden haben. Man begegnet auf der Straße vom englischen Geschäftsmann, über den pakistanischen Stoffhändler, bis hin zum islamischen Imam, jeder erdenklichen Nation. Aber auch den einheimischen Hong-Kong-Chinesen ist der Stolz auf ihr freiheitlich-liberales Leben, verbunden mit einer ideologischen Distanz zur übermächtigen Mutternation, anzumerken.
Entsprechend fühlt man sich auch nicht wie in China, sondern findet Spuren westlicher Lebensart – einer der am dichtest besiedelten Städte der Erde – in den viel zu kleinen Gassen wieder. Im größten Stadtteil Kowloon treffen traditionelle Tempel auf gigantische Wohnblöcke. Der Blick über den Victoria Harbour, hinüber auf die Hauptinsel Hong Kong Island beeindruckt sehr. Besonders bei Nacht, wenn die riesigen Wolkenkratzer direkt vor tropisch bewachsenen Hügeln die Dunkelheit ausleuchten.

Macao

Das portugiesische Pendant zu Hong Kong trägt den Namen Macao. Besonders interessant ist sicher, wie sich die beiden Städte unter ähnlichen Voraussetzungen – nach der Kolonialzeit – entwickelt haben. Macao ist durch das in Festlandchina reglementierte Glücksspiel reich geworden. Der Vergleich mit dem amerikanischen Las Vegas ist schon deswegen erlaubt, weil sich in Macao sämtliche Casinos der Wüstenstadt niedergelassen haben. Beim Spazieren durch das Venetian Hotel fühlte ich mich durchaus an meinen Las Vegas-Urlaub erinnert, lediglich die zahlreichen Chinesen verraten die Illusion der Illusion.
Eines fällt außerdem auf: Die Chinesen lieben es zu spielen. Und so ist es nicht unüblich, für wohlhabende Chinesen, über das Wochenende nach Hong Kong zu jetten. Während die Dame dann in Hong Kong einkauft, nimmt der Mann die Katamaran-Expressfähre und verzockt 30 Minuten später die Ersparnisse im MGM Grand Casino. Auch ich konnte mich nicht zurückhalten und verzockte meine letzten Reserven in Landeswährung. Die umgerechnet 5 Euro Einsatz beim Roulette erwiesen sich als unerwartet guter Invest, als die Kugel tatsächlich auf der 23 liegen blieb. An dieser Stelle möchte ich dem Hard Rock Hotel danken, das mir meinen Macao Ausflug komplett finanziert hat.

Beijing

Die in Deutschland eher unter dem Namen Peking bekannte chinesische Hauptstadt heißt wörtlich übersetzt so viel wie Nördliche Stadt. Die Stadt hat eine bewegte Geschichte als Hauptstadt verschiedenster Herrscher hinter sich, doch erst mit der Machtübernahme der Ming-Dynastie im Jahre 1368 wurde Beijing erstmals Sitz des chinesischen Kaisers. Dieser residierte im Zentrum der Stadt in einem aus 890 Palästen und insgesamt 9.999½ Zimmern bestehenden Komplex. Der einfachen Bevölkerung war der Zugang zum aufwendig gestalteten und von Mauern umgebenen Kaiserpalast verwehrt, was ihm den Namen Verbotene Stadt einbrachte.

Auch die heutigen Herrscher bedienen sich gerne symbolträchtiger Orte. So gruppieren sich neben der Verbotenen Stadt, rund um den Tian´anmen Platz (Platz des Himmlischen Friedens) die wichtigsten Einrichtungen der jüngeren chinesischen Geschichte. Der Platz, der im Ausland vor allen Dingen durch die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 bekannt ist, wird vom Mao Mausoleum, dem Nationalmuseum und dem Volkskongress eingerahmt. Schnell fallen einem die hohen Sicherheitsmaßnahmen auf, welche zuletzt zur Olympiade 2008 noch einmal deutlich erhöht wurden. Auch im Olympiapark im Norden der Stadt, in dem das markante Stadion, von den Einheimischen nur Vogelnest genannt, sowie die markante Schwimmhalle eigens für die Spiele erbaut wurden.

Die große Mauer

Zunächst möchte ich einen weit verbreiteten Irrglauben ausräumen: Es ist absolut ausgeschlossen die chinesische Mauer mit bloßem Auge aus dem Weltraum zu sehen. Die Mauer ist an ihrer breitesten Stelle – nahe Peking – zwischen 4 und 8 Meter breit, eine deutsche Autobahn wäre sicherlich einfacher zu erkennen. Auch die Länge von offiziell 8851 km trägt nicht zur Erkennbarkeit bei.
Einen Rekord kann man dem Grenzwall allerdings nicht streitig machen: Es ist das größte Bauwerk der Welt, mit dem sich ängstliche Kaiser verschiedenster Dynastien vor Reitervölkern aus dem Norden schützen wollten. Die große Mauer wurde zahlreiche Male aus- und umgebaut, weshalb sich sehr unterschiedliche Bauformen entlang des Verlaufs finden. Die Gesamtlänge ergibt sich demnach nicht nur aus den Postkarten Mauerstücken, sondern enthält auch Naturbarrieren oder einfache Natursteinmauern.

Heute ist die große Mauer, trotz großer Anstrengungen, stellenweise in bedenklich schlechtem Zustand und droht zu verfallen. Restaurierte Mauerabschnitte befinden sich rund um Peking und sind entsprechend von zahlreichen Touristen bevölkert.

DMZ

Rund 40 km von Seoul entfernt erstreckt sich die Grenze zwischen dem demokratischen Süd- und dem sozialistischen Nordkorea. Nach Ende des Koreakriegs 1953 zementierten die beiden Staaten zusammen mit den Vereinten Nationen die neue Grenze und richteten eine entmilitarisierte Pufferzone ein. Diese Demilitarized Zone erstreckt sich entlang der Grenze jeweils 2 km nach Norden und Süden. Leider ist der Name eher irreführend, denn tatsächlich stehen auf beiden Seiten der DMZ Millionen von Soldaten bereit, um das feindliche Land einzunehmen.
Für eine begrenzte Zahl an Touristen besteht die Möglichkeit ausgewählte Plätze in, oder entlang der DMZ zu besuchen. Darunter der Bahnhof ab dem man theoretisch nach Pjöngjang fahren könnte, der Brücke ohne Wiederkehr, über die enttarnte Agenten ausgetauscht werden, oder ein Aussichtspunkt von dem aus man einen der seltenen Blicke in das abgeriegelte Nord-Korea werfen kann. Das absolute Highlight für mich war die sogenannte Joint Security Area. Hier trafen sich die beiden Parteien zu über 700 Friedensgesprächen. Alle von ihnen erfolglos, weshalb sich Korea faktisch noch immer im Krieg befindet. Die Verhandlungen unter internationaler Vermittlung fanden in unscheinbaren blauen Baracken statt, welche genau auf der Grenze errichtet worden sind. Mit dem Besuch des Verhandlungsraums durfte ich mich also tatsächlich für einige Minuten in Nordkorea aufhalten. Im Außenbereich der Anlage stehen sich süd- und nordkoreanische Soldaten direkt gegenüber, lediglich ein grauer Bordstein markiert die Grenze. Obwohl die Spannung an diesem historischen Ort nur schwer fotografiert werden kann (auch wegen zahlreicher Verbote), habe ich einige Bilder geschossen.

Seoul

Seoul ist die Hauptstadt von Süd-Korea. Soweit jedem bekannt, aber kaum jemand weiß was Seoul für eine faszinierende Stadt ist. Ich durfte die pulsierende Metropole eine Woche lang erleben und möchte ein wenig berichten, wie es sich im zweitgrößten Ballungsraum der Erde lebt.
Besonders bei Nacht werden die Ausmaße der Stadt erst sichtbar und die vielen Werbetafeln bilden den absoluten Kontrast zur nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Seoul hat zwar keine international bekannten Sehenswürdigkeiten zu bieten, dafür allerdings ein unvergleichliches Flair. Die Stadt ist zu Unrecht die graue Maus unter den gigantischen Metropolen. Hier trifft sich amerikanische mit asiatischer Lebenskultur und bringt eine unheimlich herzliche Kultur hervor. Die Menschen habe ich als überdurchschnittlich gut gebildet und durchweg freundlich kennen gelernt. Durch Ehrgeiz, Disziplin und ein wenig amerikanischer Hilfe haben die Koreaner eine supermoderne Metropole aufgebaut, in der man sich dennoch sofort zuhause fühlen kann. Seoul schafft den Spagat zwischen Informationsgesellschaft und traditionellem Brauchtum. Biegt man von den großen Bürotürmen in eine Seitenstraße ab steht man unvermittelt auf einem turbulenten Markt oder gar einem Fischmarkt mit scheinbar endloser Auswahl.